Vielfalt in der Bibel statt Exklusion durch die Bibel

Kategorie: Inklusion

Texte zum Thema Inklusion und Exklusion von Menschen mit Behinderungen in der Bibel

„Steh auf!“

Die Wunderheilung des Kranken am Teich von Betesda inklusiv gelesen.
von Constanze Kobell



Die Heilung des Gelähmten am Teich Betesda. Sant‘ Apollinare
Nuovo/Ravenna. Foto: Public domain, via Wikimedia Commons

Im Johannesevangelium sagt Jesus zu einem Kranken, der am Boden liegt, „Steh auf (…)und geh“. Sofort steht der Kranke auf, obwohl der 38 Jahre nicht dazu in der Lage war.

In diesem Beitrag möchte ich zeigen, welche Probleme für Menschen mit Behinderungen in der herkömmlichen Deutung dieser Wundererzählung liegen und wie diese Bibelstelle dennoch für Menschen mit Behinderungen und benachteiligte Menschen stärkend und ermutigend wirken kann.

Die Wundergeschichte liest sich in der Elberfelder Bibel so:

Heilung eines Kranken am Teich Betesda (Joh 5, 1-9)

1 Danach war ein Fest der Juden, und Jesus ging hinauf nach Jerusalem.

2 Es ist aber in Jerusalem bei dem Schaftor ein Teich, der auf Hebräisch Betesda genannt wird, der fünf Säulenhallen hat.

3 In diesen lag eine Menge Kranker, Blinder, Lahmer,

4 Dürrer.

5 Es war aber ein Mensch dort, der achtunddreißig Jahre mit seiner Krankheit behaftet war.

6 Als Jesus diesen daliegen sah und wusste, dass es schon lange Zeit so mit ihm steht, spricht er zu ihm: Willst du gesund werden?

7 Der Kranke antwortete ihm: Herr, ich habe keinen Menschen, dass er mich, wenn das Wasser bewegt worden ist, in den Teich wirft; während ich aber komme, steigt ein anderer vor mir hinab.

8 Jesus spricht zu ihm: Steh auf, nimm dein Bett auf und geh umher!

9 Und sofort wurde der Mensch gesund und nahm sein Bett auf und ging umher. Es war aber an jenem Tag Sabbat.

Diese Wundererzählung von der Heilung des Kranken am See Betesda steht am Anfang des Johannesevangeliums. Jesus steigt nach Jerusalem hinauf und bringt dort jemanden zum Aufstehen, im altgriechischen Urtext steht dort ἔγειρε vom Verb εγείρω. In diesem Wort liegt auch die Bedeutung des „Auferstehens“. Im Laufe des Johannesevangeliums stehen mehrere Menschen in Zusammenhang mit Wunder wieder auf. Dieses mehrfache Wiederaufstehen bereitet die Lesenden auf das größte Wunder vor: Die Auferstehung Jesu Christi.

Die Wundererzählungen zeigen dem Lesenden die göttliche Natur Jesu. Jesus ist kein normaler Mensch, Jesus ist der Logos, Jesus ist Gott.

Somit geht es in den johanneischen Wundererzählungen darum, dass Gott sich in und durch seinen Sohn Jesus Christus zur Sprache bringt.

Was passiert bei dieser Wunderzählung?

Jesus steigt zum See hinauf, wo viele Kranke und ausgezehrte Menschen liegen und auf Heilung hoffen. Darunter ist eine Person, die im Urtext eine ἀσθενείᾳ, eine Krankheit, hat.

Dieser Mensch hier ist somit nicht zwingend gelähmt. Seine Krankheit kann Fall z.B. auf eine psychische Krankheit oder eine Schwäche hindeuten.

Nach einem kurzen Dialog heilt Jesus ihn mit den Worten: „Steh auf, nimm dein Bett auf und geh umher!“

Hier kommt das „Aufstehen“, das auf das Auferstehen Jesu vorbereiten soll. Doch Jesus sagt ihm auch, dass sein Bett mit sich tragen soll.

Das Bett wird so zum Symbol für das erlittene Leid, als wolle Jesus damit sagen, dass immer eine Erinnerung an die Schmerzen der Vergangenheit bleiben wird. Doch der Geheilte kann sein Bett nun problemlos tragen. Das bedeutet: Wir können lernen mit unseren schmerzhaften Erinnerungen und Narben zu leben.

Welche Auslegung dieser Geschichte wirkt NICHT verletzend für Menschen mit Behinderungen?

Für Menschen mit Behinderungen kann es verletzend wirken, wenn in einer biblischen Erzählung ein nicht – normkonformer Körper automatisch einer Heilung bedarf. Auch das Feiern eines geheilten und nun normkonformen Körpers als höchstes Glück und als Beweis für Gottes Wirken kann respektlos wirken.

Denn viele Menschen mit Behinderungen fühlen sich wohl in ihrem Körper und erwarten zurecht von ihrer Umwelt, dass sie so akzeptiert werden, wie sie sind.[1]

Das spiegelt sich auch in der UN-Behindertenrechtskonvention aus dem Jahr 2008 wider. Schon in der Präambel werden die Gleichwertigkeit und Gleichberechtigung von Menschen mit Behinderungen festgehalten. Der Zustand einer Behinderung wird nicht mehr nur medizinisch, sondern auch sozial definiert. Man ist nicht in erster Linie durch einen medizinisch defizitären Körper behindert, sondern man wird durch die Barrieren in der Umwelt behindert.

Der Gesetzgeber hat durch Maßnahmen dafür zu sorgen, dass Menschen mit Behinderung vollumfänglich am gesellschaftlichen Leben teilhaben können.

Dennoch können Heilungsgeschichten auch für Menschen mit Behinderungen tröstend, motivierend und glaubensstärkend wirken.

Eine Möglichkeit ist, Jesus nicht als Heiler, sondern als ermutigenden Unterstützer zu sehen.

Anhand der von mir untersuchten Perikope könnte das so aussehen:

Jesus heilt nicht ungefragt.

Er traut dem Kranken eine eigene Meinung zu.

Deshalb fragt er ihn: „Willst Du gesund werden?“

Er hört sich die Erklärung des Kranken an.

Der Kranke beklagt, dass er seit 38 Jahren keinen Menschen hat, der ihm zum Teich hilft.

Jesus ist in dem Moment genau der Mensch, den der Kranke braucht.

Er heilt ihn durch seinen Zuspruch. Er heilt ihn auch dadurch, dass er ihm etwas zutraut.
Er traut ihm zu, dass er aufstehen und herumgehen kann.

Dieses Vertrauen könnte sich auch auf etwas ganz anderes beziehen.

Er könnte auch sagen:

„Werde selbstständig!
Fahre mit Deinem Rollstuhl allein in die U-Bahn. Das traue ich Dir zu.“

Auch unterdrückten Menschen kann diese Geschichte Kraft geben

Archäologische Funde haben gezeigt, dass die Knochen der Menschen, die zu Jesu Zeit im Heiligen Land lebten, von Nährstoffmangel gezeichnet waren. Demnach waren viele Menschen damals mangelernährt und als Folge krank und schwach. Man führt das auf die wirtschaftliche Ausbeutung durch die römischen Besatzer zurück.

So gesehen kann das „Steh auf“ auch als Rebellion und somit als Heilungsmöglichkeit für ein ganzes Volk gesehen werden. Vielleicht dachten die zeitgenössischen Autoren, die wahrscheinlich auch unter der Besatzung litten, auch in diese Richtung.

Opfern des Patriachats kann diese Erzählung ebenfalls helfen.

Kudzai Biri, eine Religionswissenschaftlerin aus Simbabwe untersuchte in unterschiedlichen Gruppen, wie Frauen in ihrer Heimat die Perikope „Heilung eines Kranken am Teich von Betesda“ wahrnehmen. Die Gruppe der Akademikerinnen deutete das „Steh auf“ als ein Aufstehen gegen das Patriachat.

Das Patriachat zeigt sich in Afrika und vor allem auch in Simbabwe in einer ausgeprägten Männer-Kultur, in der Frauen als minderwertig gelten. Sie werden deshalb oft Opfer von Gewalttaten.

Die Täter werden demensprechend selten zur Verantwortung gezogen.

Frauen, die sich gegen die Männerherrschaft wehren und mehr Rechte fordern, werden verunglimpft.

Die Bibel wird in Simbabwe meist so ausgelegt, dass Frauen in einer unterwürfigen Rolle gehalten werden.

Demensprechend forderte es von den Frauen viel Mut, diese Perikope als einen Angriff auf das Patriachat auszulegen.

Diese Auslegung kann unterdrückten Frauen in aller Welt Kraft geben. Bemerkenswerterweise steht nirgends in der Perikope, dass der Kranke ein Mann war. Es könnte auch eine Frau gewesen sein, die 38 Jahre am See lag und auf einen Menschen gewartet hat, der ihr hilft.

Zusammenfassung

Die johanneischen Wundererzählungen sollen zeigen, dass Jesus Christus Gottes Sohn ist. Ein Aspekt dabei ist, dass die in den Heilungserzählungen darnieder liegende Menschen wieder aufstehen. Das soll auf das größte Wunder, die Auferstehung hinweisen.

Bei der Auslegung dieser und anderer Heilungsgeschichten ist darauf zu achten, dass die Gefühle und die Würde von Menschen mit Behinderungen nicht verletzt werden.

Denn die Gleichstellung der Genesung mit einem „Happy End“ kann verletzend wirken. Darüber hinaus widerspricht diese Gleichstellung dem Selbstverständnis von Menschen mit Behinderungen, die in ihrem So-Sein akzeptiert und unterstützt werden möchten.

Demensprechend ist es angemessener, die unterstützende Rolle von Jesus Christus zu betonen. Durch seinen Zuspruch findet ein Mensch Kraft, die eigenen und fremde Grenzen zu überwinden.

Diese Auslegung kann auch für unterdrückte Menschen motivierend und ermutigend sein.

Mein Blogartikel ist aus diesem Essay entstanden:

Constanze Kobell:
Ermutigende Auslegungsmöglichkeiten der Perikope „DieHeilung eines Kranken am Teich Betesda“ (Joh 5, 1-9) für benachteiligte Menschen und Menschen mit Behinderungen.
Essay zur Vorlesung: „Welt und Umwelt des Neuen Testaments. Eine Einführung.“
Universität Luzern, Prof. Dr. Robert Vorholt

Auswahl der verwendeten Literatur

Bechmann, Ulrike, Biri Kudzai, und Joachim Kügler. Steh auf und geh! Die Heilung eines kranken Menschen (Joh 5). Auslegungen und Bibelarbeiten zum Weltgebetstag. Stuttgart: Katholisches Bibelwerk e.V, 2019.

Kollmann, Bernd, und Ruben Zimmermann, Hrsg. Hermeneutik der frühchristlichen Wundererzählungen: geschichtliche, literarische und rezeptionsorientierte Perspektiven. Wissenschaftliche Untersuchungen zum Neuen Testament 339. Tübingen: Mohr Siebeck, 2014.

Müller, Andreas. „Krankenversorgung und Nächstenliebe – Arzt für den Leib oder die Seele?“ Welt und Umwelt der Bibel Nr 76, Nr. 02/2012 (2012): 61–67.

Schiefer Ferrari, Markus. Exklusive Angebote: biblische Heilungsgeschichten inklusiv gelesen. Ostfildern, 2017.

Zimmermann, Ruben, Detlev Dormeyer, Judith Hartenstein, Christian Münch, Enno Edzard Popkes, Uta Poplutz, István Czachesz, u. a., Hrsg. Kompendium der frühchristlichen Wundererzählungen. 1. Auflage. Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus, 2013.

Copyright: Constanze Kobell


 

 

Nachgefragt: Wie wirkt die Bibelstelle „Jesus heilt einen Blinden“ heutzutage auf blinde Menschen?

Text von Constanze Kobell

"Jesus heilt einen Blinden". Relief auf dem Sarkophag "de la Loi par le Christ" 
(dt: durch das Gesetz des Christus) in der Kirche St. Victor, Marseille.
„Jesus heilt einen Blinden“. Relief auf dem Sarkophag „de la Loi par le Christ“
(dt: durch das Gesetz des Christus) in der Kirche St. Victor, Marseille.
Bild: Constanze Kobell

In der Bibel gibt es viele Erzählungen, in denen Jesus Kranke oder Menschen mit Behinderungen heilt. In den biblischen Texten ist auch die Freude darüber beschrieben, dass die Geheilten nun wieder „normal“ sind.

Doch wie wirken solche Erzählungen auf Menschen mit Behinderungen, die auch mit ihrer Behinderung als „normal“ gesehen werden wollen?

Dieser Frage bin ich im Rahmen eines Essays für mein Theologiestudium nachgegangen.

Dazu habe ich blinden Menschen die Bibelstelle „Jesus heilt einen Blinden“ aus dem Markusevangelium geschickt und sie gebeten, ihre spontanen Gedanken und Gefühle dazu aufzuschreiben.

Was sie dazu sagten, kommt gleich.

Damit Ihr diese Bibelstelle richtig einordnen könnt, ist aber ein bisschen Vorwissen wichtig.

Die Geschichte „Jesus heilt einen Blinden“ findet sich im 8. Kapitel des Markusevangeliums von Vers 22 bis Vers 26.

In der sogenannten Einheitsübersetzung der Bibel lautet die Erzählung so:

„Sie kamen nach Betsaida. Da brachte man einen Blinden zu Jesus und bat ihn, er möge ihn berühren.

Er nahm den Blinden bei der Hand, führte ihn vor das Dorf hinaus, bestrich seine Augen mit Speichel, legte ihm die Hände auf und fragte ihn: Siehst du etwas?

Der Mann blickte auf und sagte: Ich sehe Menschen; denn ich sehe etwas, das wie Bäume aussieht und umhergeht.

Da legte er ihm nochmals die Hände auf die Augen; nun sah der Mann deutlich. Er war wiederhergestellt und konnte alles ganz genau sehen.

Jesus schickte ihn nach Hause und sagte: Geh aber nicht in das Dorf hinein!“

Die Forschung geht davon aus, dass dieser Text ungefähr im Jahr 70 n. Chr. geschrieben wurde, Jesus war zu diesem Zeitpunkt also schon ungefähr 40 Jahre tot.

Wer das Markusevangelium geschrieben hat, ist bis heute nicht eindeutig geklärt. Es war aber sicher eine Person, die mehr oder weniger ein Zeitgenosse von Jesus war, und der die Lebensumstände der damaligen Zeit gut bekannt waren.

Der Blinde wird in der Erzählung mit dem altgriechischen Wort τυφλὸν beschrieben. Das kann mit körperlich blind, also unfähig zu sehen,  aber auch mit geistig und seelisch blind übersetzt werden. Es geht hier also vielleicht mehr um das Erkennen als um das Sehen.
Dazu passt, dass Jesus wenige Zeilen vor „Jesus heilt einen Blinden“ zu seinen Jüngern sagt: „Habt ihr denn keine Augen, um zu sehen, und keine Ohren, um zu hören?“
Jesus wirft darin den Jüngern vor, sein Wesen und sein bevorstehendes Leiden nicht begreifen zu wollen.
Der Theologe Udo Schnelle schreibt dazu: „Die Rahmung des Mittelteils durch zwei Blindenheilungen (..) hat metaphorischen Charakter. Den Jüngern und mit ihnen der markinischen Gemeinde sollen die Augen geöffnet werden, wer dieser Jesus von Nazareth ist: Der leidende Gottessohn, der in die Leidensnachfolge ruft.“
Dazu passt, dass in der Bibel das Auge oft als allegorische Darstellung des Erblickens und Erkennens verwendet wird.“
Es geht in der Blindenheilung also darum, dass Menschen die Natur Jesu erkennen sollen.
Sollen wir den angeblich geheilten Blinden allegorisch verstehen?
War er nur begriffsstutzig und gar nicht blind?

Ich denke nein.
Da an vielen Stellen der frühen christlichen Schriften von den Krankenheilungen durch Jesus berichtet wird, hat er sich wohl tatsächlich kranker Menschen angenommen und diese geheilt. Im Markusevangelium sind an die zwanzig sogenannten Wunderheilungen erwähnt. Dieser Aspekt war der Person, die das Markusevangeliums verfasst hat, anscheinend besonders wichtig.
Vielleicht wollte sie nachdrücklich darauf hinweisen, dass die Sorge um Kranke ein wichtiger Bestandteil des Lebens als Christin oder Christ ist.
Den Auftrag zum Heilen wird auch dadurch deutlich, wie Jesus mit Macht umgegangen ist. Er hat die Macht, die er von Gott erhalten hat, nicht dadurch bewiesen, dass er Goldstücke hat regnen lassen oder die römischen Besatzer geschlagen hat.
Jesus hat seine Macht und seine wahres Wesen durch effektive Hilfe für leidende Mitmenschen bewiesen. Diese Wunderheilungen sollen demnach  als Zeichen dafür gesehen werden, dass das Reich Gottes anbricht und Rettung durch den Glauben möglich ist.
Das oben gezeigte Relief des Sarkophags aus dem 5. Jahrhundert erinnert auch daran, dass die „Gesetze von Jesus“ auch die Heilung der Kranken beinhalten.

Eine plötzliche Heilung kam zu damaliger Zeit für einen Blinden oder erblindeten Menschen wahrscheinlich wirklich einer Rettung gleich.

Denn in der Antike gab es kaum medizinische Hilfe für Sehbehinderte, geschweige denn Informationen in Braille-Schrift, Computer mit automatischer Vorlesefunktion oder staatliche Sozialleistungen wie Blindengeld. Ein blinder Mensch konnte damals nicht für sich selbst sorgen und war deswegen in den allermeisten Fällen auf das Wohlwollen seiner Mitmenschen angewiesen.

Doch seit der Antike haben sich die Lebensbedingungen für blinde Menschen in vielen Ländern glücklicherweise deutlich verbessert. Dadurch hat sich auch das Selbstverständnis und Selbstbewusstsein von Menschen mit Behinderungen gewandelt. Das spiegelt sich in der UN-Behindertenrechtskonvention aus dem Jahr 2008 wieder. Gleich in der Präambel wird die Gleichwertigkeit und Gleichberechtigung von Menschen mit Behinderungen festgehalten. Der Zustand einer Behinderung wird nicht mehr nur medizinisch, sondern auch sozial definiert. Man ist nicht in erster Linie durch einen medizinisch defizitären Körpers behindert, sondern man wird durch die Barrieren in der Umwelt behindert.

Anderssein ist somit völlig in Ordnung.

Wie lesen Menschen mit Behinderungen heute die Erzählungen von Wunderheilungen, in denen das Anderssein oft als großes Übel und Gottesferne, gesehen wird?

Was denken sie, wenn die Herstellung eines körperlichen Normalzustandes als Wunder gefeiert wird?

Die rollstuhlfahrende Theologin Dorothee Wilhelm sagt dazu: „Wenn in der Bibel Menschen mit Behinderungen per Wunder „emporgeheilt“ werden, ist das keine Hilfe, sondern ganz im Gegenteil ein Ärgernis, weil sie in der Befreiung geschildeter Heilung die Abwertung der abweichenden Körper noch affirmieren.“

Damit sind wohl nicht nur die biblischen Geschichten im Original gemeint, sondern auch die Betonung des Wunderhaften der Heilung in Bibelkommentaren und in Predigten etc.. Diese lassen teilweise außer Acht, dass Menschen mit Behinderungen das als kränkend empfinden könnten.

Darüber hinaus weist die ebenfalls behinderte Theologin Sharon V. Betcher auf eine Abwertung von Menschen mit Behinderungen hin:
„Bei den Heilungsgeschichten würde (…) eine sich daraus ergebende Notwendigkeit der Heilung vorausgesetzt werden (…)“.

Menschen mit Behinderungen sind also nicht in Ordnung, so lange sie nicht „geheilt“ werden.

Ich wollte wissen, ob die vorher genannten Aussagen von anderen Menschen mit Behinderungen geteilt werden. Als ersten Schritt zur Erforschung dieses Themas habe ich drei blinde Menschen befragt. Diese drei Menschen leben alle in Bayern, haben studiert, sind berufstätig und politisch engagiert. Man kann also nicht von einer breit angelegten Studie mit einer heterogenen Proband:innengruppe sprechen. Doch für einen ersten Eindruck finde ich die Ergebnisse durchaus hilfreich.

Aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes habe ich die Namen der Befragten komplett und das Alter leicht geändert.

Ich habe Hella (46 Jahre), Maximilian (44 Jahre) und Roland (23 Jahre) die Bibelstelle per E-Mail zugeschickt und sie gebeten, spontan ihre Gefühle und Gedanken zu diesem Text zu notieren.
So fiel das Feedback der drei befragten blinden Menschen aus:
Roland fällt auf, dass andere Jesus bitten, den blinden Mann zu berühren.
Roland schreibt: „Vielleicht würde ich als Blinder in der Situation sagen, dass ich selbst um Hilfe bitten kann.“
Roland irritiert auch der Ausdruck er wurde „wieder hergestellt“, bzw. bei in der Luther-Übersetzung „zurecht gebracht“.
Roland schreibt:  „Als wäre es ein heilbarer Makel, ein Defekt, ein Fluch, der auf Blinden lastet.“
Maximilian ist theologisch ausgebildet. Er schreibt zu dem Ausdruck „wiederhergestellt“ (im griechischen Original ἀπεκατέστη)  sowohl seine eigenen Gedanken, als auch eine theologische Auslegung:
„Das sieht nach einem klassischen Beispiel aus für das veraltete, zu beseitigende, zu überwindende ‚gottverdammte‘ defizitorientierte Behinderungs- oder Behindertenbild. Jedenfalls verstehe ich alle, die es so verstehen, und damit die christliche Botschaft, genauer: die Botschaft des Evangeliums, vorzeitig leider komplett mit entsorgen.
Doch die Sache ist ja etwas anders. Am Beispiel blinder Menschen oder Menschen mit anderen Behinderungen oder auch Krankheiten zeigt uns Jesus ‚zeichenhaft‘ oder ‚anfanghaft‘, dass wir alle, absolut alle, ‚zurechtgebracht‘ und wiederhergestellt werden müssen. Denn wir alle haben sozusagen spirituelle Behinderungen. (…) Deshalb empfinde ich es auch nicht als ‚ungerecht‘, nicht ‚geheilt‘ zu sein. Vielmehr geht es mir so, dass ich sagen würde: Ich muss doch nicht geheilt werden, ich bin ja nicht krank, ich bin halt blind und muss, was das betrifft, auch nicht ‚wiederhergestellt‘ werden. Der Heilung bedarf ich, aber nicht aufgrund der Blindheit im Speziellen.“

Hella hat einen ganz anderen Blick auf die Bibelstelle.
Sie schreibt: „Ich finde die Geschichte, die Botschaft an sich wunderbar, Hoffnung gebend etc. Allerdings denke ich dabei nicht einfach nur an das „blind sein“ mit den Augen, sondern vielmehr an die Menschen, welche im Herzen blind sind, weil sie nicht nach links und rechts oder über den Tellerrand schauen können, nur in ihrem eigenen „kleinen, engen Tunnel“, also Blickfeld unterwegs sind. Vielleicht sogar sozial verarmt, unverschuldet einsam oder auch selbst verschuldet belastet durch ihr bisheriges Tun… .„

Maximilian bringt noch ein weiteren Gedanken ein:
„Die Kirchen haben gerade behinderte Menschen oft zu Objekten gemacht. Evangeliumsgemäß ist das nicht. Evangeliumsgemäß ist, dass Jesus ein Empowerment-Trainer ist.“
Maximilian bezieht sich dabei auf eine andere Bibelstelle. In dieser Stelle bittet der blinde Bartimäus selbst mit Nachdruck Jesus um Hilfe.

Aber auch in der von mir untersuchten Bibelstelle findet sich so eine Stelle. Denn in Vers 24 sagt der blinde Mann, dass er erst verschwommen sieht. Daraufhin fährt Jesus mit der Heilung fort.

Diesen Mut muss man sich mal vorstellen: Der berühmte Jesus legt einem die Hand auf und dann traut man sich zu sagen, dass das Ergebnis nicht optimal ist. Diese Courage zahlt sich aus: Jesus reagiert nicht beleidigt, sondern fährt mit der Heilung fort, bis das Ergebnis optimal ist.

Ich persönlich verstehe das als Ermutigung. Alle Menschen mit Behinderungen sollen dafür kämpfen, dass sie die bestmögliche Unterstützung bekommen.

Aus meinem eigenen Leben weiß ich, dass Menschen mit Behinderungen laut sein müssen, damit sie nicht vergessen werden. Deshalb denke ich, dass diese  Bibelstelle trotz allem auch ein ermutigender Wegweiser für Menschen mit Behinderungen ist.

Ich denke, um die Bedeutung der Wunderheilungen ins rechte Licht zu rücken, müssen die vielen inklusiven Inhalte der Bibel besser benannt und die auf den ersten Blick exklusiven Inhalte besser erklärt werden.

Dieser Blog soll ein Beitrag dazu sein.

Dieser Blogartikel ist aus diesem Essay entstanden:

Die Perikope „Jesus heilt einen Blinden.“ (Mk 8,22-26) mit besonderer Berücksichtigung der Rezeption durch Menschen mit Sehbehinderungen.

Essay zur Vorlesung: Welt und Umwelt des Neuen Testaments. Eine Einführung.

Prof. Dr. Robert Vorholt, Professur für Exegese des Neuen Testaments, Universität Luzern

Herbstsemester 2022

Verwendete Literatur:

Dschulnigg. Theologie und Exegese des NT. 2010.

Fixot, Michel. Saint-Victor de Marseille, 2014

Popkes, Enno. „Jesu Auftrag, Kranke zu heilen. Die Heilungen der Nachfolger und Nachfolgerinnen.“ Jesus der Heiler, Nr. 76, 2/25, S. 54–59.

Schiefer Ferrari, Markus. Exklusive Angebote: biblische Heilungsgeschichten inklusiv gelesen. 2017.

Schnelle, Udo. Einleitung in das Neue Testament. 9. Aufl., 2017.

Schroer, Silvia, und Thomas Staubli. Die Körpersymbolik der Bibel. Sonderausg, 2012.